Tierschutz-Kennzeichnung – ein Label-Dschungel für die Verbraucher

Ab 1. April 2019 haben acht große Lebensmittel-Handelsketten in Deutschland gemeinsam ein neues Siegel auf Fleischprodukten herausgebracht, das über die Haltungsformen der Tiere in den Ställen Auskunft gibt.
Außerdem gibt es noch weitere diesbezügliche Kennzeichnungen vom Deutschen Tierschutzbund sowie Bio-Labels, die auf den Verpackungen ebenfalls mehr Tierwohl bei der Fleischerzeugung versprechen. Und zu all dem plant Bundesministerin Julia Klöckner ein staatliches Tierwohl-Label.


Die staatliche Tierwohl-Initiative

2020 soll das seit langem schon angekündigte staatliche Label „Eine Frage der Haltung – Neue Wege für mehr Tierwohl“ für Schweinefleisch eingeführt werden – so der Zeitplan des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Labels für weitere Tierarten sollen folgen. Geplant ist eine dreistufige Kennzeichnung, die das Tierwohl von Geburt bis Schlachtung bewertet unter Aspekten wie Platzangebot pro Schwein, Raufutter und Beschäftigungsmöglichkeiten, Betäubung bei Ferkelkastration oder zum Beispiel eine Zeitbegrenzung für Tiertransporte. Neben tierbezogenen Kriterien gibt es auch Anforderungen an den Landwirt selbst, wie z.B. Fortbildungen zum Thema Tierschutz oder Eigenkontrollpflichten in den Ställen. Und es wird ein Tiergesundheitsbenchmarking diskutiert, das heißt, tierhaltende Betriebe nehmen an einem diesbezüglichen Erfassungssystem teil und werden bei schlechtem Abschneiden beraten.
Mit der Einführung des Tierschutzlabels möchte man Anreize setzen, sukzessive die Rahmenbedingungen in der Tierhaltung zu verbessern und eine positive Entwicklung anzukurbeln. Die Erreichung höherer Tierwohl-Ziele soll sowohl am Markt durch entsprechende Verbraucherpreise als auch durch staatliche Förderung umgesetzt werden.

Tierschutzorganisationen und Verbraucherverbände kritisieren, dass die Einführung des staatlichen Tierschutzstandards in Deutschland bereits Jahre dauert und viel zu spät kommt, so dass die erste Stufe des künftigen Tierschutz-Labels keine wesentliche Verbesserung des jetzigen gesetzlichen Mindeststandards darstelle und dass in der Branche lediglich eine freiwillige Verpflichtung angestrebt werde.
Sie hatten sich ambitioniertere, strengere Standards für Tierhaltung, Tiertransporte und Schlachtung erhofft, denn sie erachten Tierschutz nicht als freiwillige Obliegenheit, sondern als gesamtgesellschaftlichen Auftrag.


Das Label „Für Mehr Tierschutz“

Der Deutsche Tierschutzbund e.V. hatte bereits im Jahr 2011 ein erstes Zeichen gesetzt: Er hat das hellblaue Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ im Handel eingeführt. Zunächst war das zweistufige Labelprogramm mit Einstiegsstufe und Premiumstufe nur auf Mastschweine und Masthühner bezogen. Seit 1. Januar 2016 ist das Label auch auf Eierpackungen zu finden und mittlerweile auch auf Milchtüten, da es nun auch einen Anforderungskatalog für die Haltung von Legehennen bzw. von Milchkühen gibt.
Dieses Label wurde in seinen Ursprüngen vom BMEL mit 1 Mio. Euro für ein Forschungsprojekt unterstützt. Erarbeitet wurde das anfängliche Konzept des Tierschutzlabels von der Initiativgruppe „Tierwohl-Label“ an der Universität Göttingen. Die Gruppe setzte sich aus Vertretern aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Lebensmitteleinzelhandel sowie des Tierschutzes zusammen. Der Tierschutzbund hat die Trägerschaft des Kennzeichens übernommen. In der weiteren Entwicklung des Labels wurde ein mit Vertretern aller Interessensgruppen besetzter Beirat gegründet, der dem Tierschutzbund weiterhin Empfehlungen gibt, auf dessen Grundlage er Entscheidungen treffen kann.

Konkrete Label-Kriterien, die „ mehr Tierschutz“ garantieren sollen, sind:
  • Vorgaben für Platz pro Tier, die das gesetzliche Mindestmaß deutlich übersteigen
  • Vorgaben zur maximalen Gruppengröße im Stall und zur absoluten Größe des Tierbestandes
  • artgerechte Ausgestaltung der Ställe, z.B. Beschäftigungsmöglichkeiten für Schweine, Sitzstangen sowie Pick- und Scharrgelegenheiten für Hühner
  • Langsameres Wachstum bei Masthühnern durch entsprechende Zuchtlinien
  • Verbot des Kürzens der Schwänze und des Kastrierens ohne Betäubung
  • Verbot der Enthornung ohne Betäubung bei Kühen
  • schonende und auf maximal vier Stunden begrenzte Tiertransporte
  • zuverlässige Betäubung vor der Schlachtung.
    Die Einstiegsstufe dieses „Für-Mehr-Tierschutz“-Labels verlangt noch kein sehr hohes Tierschutzniveau, liegt aber deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard. Die moderat gehaltenen Ansprüche erfordern in den landwirtschaftlichen Betrieben noch keine großen Investitionen in Stallumbauten und sollen eine möglichst große Zahl von konventionellen Tierhaltern zur Umstellung bewegen. Die Einstiegsstufe richtet sich zudem an Verbraucher, die zwar Tierschutz-Standards berücksichtigt haben möchten, aber nicht bereit sind, dafür tiefer in die Tasche greifen.

    Ein weitaus höheres Tierschutzniveau bietet die Premiumstufe. Die Tiere haben im Stall noch mehr Platz, haben offene Stallbereiche und zusätzlich Auslauf im Freien.
    Die Erfüllung dieser Standards verursacht auf Erzeugerseite deutlich höhere Kosten und führt somit zu höheren Preisen für den Verbraucher.

    Bild: BMEL


Bio-Labels

Die EU Bio-Verordnung regelt auch die Haltungskriterien für Nutztiere. Die Bio-Anbauverbände haben zum Teil noch darüber hinausgehende Anforderungen an die Tierhaltung.

Hier wird freier Auslauf für Hühner oder Weidegang für Rinder und Milchkühe vorgeschrieben. Die Ställe müssen deutlich mehr Platz bieten wie beim gesetzlichen Mindeststandard und mit Stroh ausgestattet sein. Die Kastrierung von Ferkeln muss unter Betäubung bzw. Schmerzbehandlung stattfinden. Medikamente, insbesondere Antibiotika, dürfen nur sehr restriktiv verabreicht werden. Als wichtige zusätzliche Anforderungen kommen bei Bio-Tierhaltern noch die Kriterien Biofutter und die Flächengebundenheit der Tierhaltung, das heißt, eine Tierhöchstzahl pro Hektar Betriebsfläche, hinzu.

Bild: BMEL


Gütesiegel von „Vier Pfoten“

Die von Österreich ausgehende Tierschutz-Stiftung „Vier Pfoten“ ist seit über 25 Jahren auch in Deutschland mit Sitz in Hamburg vertreten. Die Stiftung ist bekannt für ihre Kampagnen und Aufklärungsarbeit über Missstände in der Tierhaltung. Sie hat ebenfalls ein zweistufiges Gütesiegel „Tierschutz-kontrolliert“ in den Farben Silber und Gold herausgegeben. Hierzu wurden Richtlinien für Masthühner und für die Rinderhaltung mit hohen Ansprüchen erstellt. Das Gütesiegel ist allerdings bisher nur im südlichen Teil Deutschlands zu finden.
Bild: BMEL

Initiative Tierwohl

Seit April 2018 ziert das Siegel „Initiative Tierwohl“ einen Teil des Hähnchen- und Putenfleischs in den Discountern und Supermarktketten Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny, REWE und Wasgau. Schweinefleisch zog nach einer Testphase nach. Als „Initiative Tierwohl“ bezeichnet sich eine Kooperation der Land- und Fleischwirtschaft mit dem Lebensmitteleinzelhandel. Die Teilnahme an der Initiative steht allen landwirtschaftlichen Betrieben, Schlachtbetrieben und Lebensmittelhändlern offen. Zeichenträger ist die „Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH“. Mit dem Label auf der Verpackung wird Fleisch markiert, das aus einem von derzeit 6.600 landwirtschaftlichen Partnerbetrieben stammt, davon sind 4.300 Schweinehalter und 2.300 Geflügelhalter. Diese Erzeugerbetriebe verpflichten sich, an einem Qualitätssicherungssystem mit vorgegebenen Standards teilzunehmen. Es gibt Vorgaben zum Platzangebot im Stall, zu Beschäftigungsmöglichkeiten und zu einem gesunden Stallklima und Tränkewasser. Zweimal jährlich erfolgt ein Audit. Zwar liegen die Grundanforderungen über den gesetzlichen Mindeststandards, sind aber insgesamt niedrig.
Bild: Initiative Tierwohl

Die beteiligten Handelskonzerne zahlen für jedes verkaufte Kilogramm Geflügel- oder Schweinefleisch aus den Partnerbetrieben einen einstelligen Cent-Betrag an die Initiative Tierwohl. Damit werden Mehrkosten der Erzeuger kompensiert und unter anderem auch Innovationspreise für Tierwohl-Maßnahmen ausgelobt.
Für die 20.000 Filialen der teilnehmenden Einzelhandelsgesellschaften ist zuweilen das Fleischangebot der Partnerbetriebe knapp. Für den Verbraucher dürfte es daher irritierend sein, dass auf den Tierwohl-Etiketten derzeit darauf hingewiesen wird, dass 6,25 Cent für jedes Kilogramm Fleisch an die Initiative Tierwohl abgeführt werden, dass gekennzeichnete Produkte aber nicht gesichert aus den angeschlossenen Partnerbetrieben stammen.


Die Haltungsform-Kennzeichnung

Basierend auf dem Siegel „Initiative Tierwohl“ hat die Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH ein weiteres Zeichen entwickelt, das dem Verbraucher eine noch stärker vereinfachte Kennzeichnung bei Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch anbieten soll. Zum 1. April 2019 wurde sehr medienwirksam von sieben der oben genannten Lebensmitteleinzelhandelskonzerne (außer Wasgau und Real) ein einfaches Haltungsform-Stufenmodell für das Fleisch der Eigenmarken vorgestellt. Das Label trägt die deutliche Aufschrift „Haltungsform“ und ist mit Zahlen, die mit Farbsymbolik untermalt wurden, von Stufe 1 (rot) bis Stufe 4 (grün) aufgegliedert. Das Handelssiegel des Vorjahres „Initiative Tierwohl“ entspricht hierbei der Stufe 2.
Bild: Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH
Die Einführung dieses Labels war von Beginn an umstritten. Die Verbraucherorganisation Foodwatch fasst die vier Stufen wie folgt zusammen:
  • Stufe 1 ist der gesetzliche Mindeststandard.
  • Stufe 2 bedeutet 10 Prozent mehr Platz und Spielmöglichkeiten für das Nutztier.
  • Stufe 3 garantiert noch mehr Platz und Frischluft-Kontakt.
  • Stufe 4 wird als „Premium“-Fleisch bezeichnet; die Tiere haben Auslaufmöglichkeiten im Freien. Auch Biofleisch soll in diese Stufe eingeordnet werden.

Foodwatch kritisiert, dass das neue Fleisch-Label der Handelsketten allenfalls einen sehr kleinen Beitrag zu einer Verbesserung des Tierwohls beiträgt, denn
  • etwa 99 Prozent der Fleischwaren befinden sich in Stufe 1, erfüllen demnach auch nur die gesetzlichen Mindestanforderungen.
  • der Faktor Tiergesundheit wird nicht berücksichtigt.
  • die Haltungsformen selbst sagen nicht genug aus über die Zustände in den Betrieben.


Wie reagieren Verbraucher auf Tierschutz-Kennzeichnungen?

Zweifellos ist der Verbraucher durch Berichterstattungen über Missstände in manchen Ställen oder über leidvolle Tiertransporten erschreckt und in seinem Einkaufsverhalten verunsichert. Er verlangt nach glaubwürdigen Labels als Orientierungshilfe bei verschiedenen Einkaufsalternativen.

Mit der breiten Aufklärung der Verbraucher und der Einführung von Tierschutzlabeln ist es aber nicht getan. Die Träger der Tierwohl-Kennzeichen erhoffen sich von den Verbrauchern eine erhöhte Nachfrage nach gekennzeichneten Erzeugnissen und sehen damit Konsumentscheidungen als Triebfeder des Tierschutzes. Doch der Verbraucher ist überwiegend preisgesteuert, wie eine 2019 veröffentlichte Studie der Hochschule Osnabrück ergab.
Nachdem in verschiedenen Umfragen 20 bis 50 Prozent der befragten Verbraucher nach eigenen Angaben bereit waren, deutlich mehr Geld auszugeben für Fleisch, das nach höheren Tierschutzstandards produziert wurde, hat die Hochschule in einem Experiment das tatsächliche Kaufverhalten untersucht. An Standorten in Stadt und Land mit unterschiedlicher Kaufkraft wurde in insgesamt 18 Discountern und Edeka-Märkten im Umfeld von Minden-Hannover der Abverkauf von Selbstbedienungsware bei Bratwurst, Minutensteaks und Gulasch beobachtet. Verglichen wurden die entsprechenden Verkaufszahlen jeweils bei der preisgünstigen Eigenmarke, einer Bio-Premium-Marke und einer neu eingeführten Produktlinie in mittlerer Preisklasse.
In den Wochen 1 bis 5 wurde die neue Produktlinie ohne Label, Flyer oder Aufsteller eingeführt. In den Wochen 6 bis 9 wurde die neu eingeführte Marke mit Tierwohl-Label versehen und mit Deckenaufhängern und Flyern beworben. Um die Preissensibilität der Käufer zu ermitteln, wurde der Preis ab Woche 6 erhöht; erst um 0,10 € dann um 0,30 € und schließlich noch um 1,00 €. Der Preis von 500 Gramm Gulasch bewegte sich somit zwischen 2,79 € und 7,99 €.

Im Durchschnitt kauften 73 Prozent der Verbraucher die preisgünstigste Ware, 16 Prozent griffen nach der neu eingeführten Tierwohl-Ware und elf Prozent nach dem Premiumprodukt in Bio-Qualität. Im Zuge der Preiserhöhungen bei den Tierwohl-Produkten gab es in den letzten Wochen merkliche Verkaufsrückgänge. Die Kunden akzeptierten im Durchschnitt lediglich Preisanstiege von neun bis 13 Prozent für mehr Tierwohl. Dabei war die Akzeptanz von Preisanstiegen in Supermärkten höher als in Discountern und war auch besser in Gegenden mit höherer Kaufkraft. Die Verkaufsbeobachtungen wurden durch eine Kundenbefragung im Kassenbereich ergänzt. Dabei trat bezüglich Tierschutz-Unterstützung eine Diskrepanz zutage zwischen verbal geäußerter Willensbekundung und tatsächlichem Einkaufsverhalten.


FAZIT

Die Triebkraft der Verbrauchernachfrage als Motor der Tierschutzentwicklung ist weniger stark als erhofft, auch dann wenn Labels gute Einkaufshilfen geben. Das Verbraucherverhalten ist diesbezüglich oft ambivalent. Es bedarf zusätzlicher Anreize, um auf Erzeugerseite eine umfassende Verbesserung der Tierwohl-Standards in Bewegung zu setzen.

Dennoch ist es wichtig, dem verantwortungsbewussten Verbraucher eine Orientierungshilfe zu geben, die ihn befähigt, sein Kaufverhalten nach dem Tierwohl auszurichten.
Die Abbildung des Tierwohls ist sehr viel komplexer und vielschichtiger als es ein einfaches Haltungsform-Label oder ein handelseigenes Tierwohl-Siegel auszudrücken vermag. Die Labels der deutschen Bio-Verbände, das Premium-Zeichen des Deutschen Tierschutzbundes oder die höheren Stufen des geplanten staatlichen Tierwohl-Zeichens sind bei weitem aussagekräftiger und verbindlicher.


Quellenangaben und weiterführende Informationen





Annette.Conrad@dlr.rlp.de     www.Ernaehrungsberatung.rlp.de drucken nach oben